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[Page 2]
der
Brüder Grimm
Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden
Tag: "Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!" und kriegten immer keins.
Da trug es sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, daß ein Frosch aus
dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: "Dein Wunsch wird erfüllt werden,
ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen."
Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen,
das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu fassen wußte und ein
großes Fest anstellte. Er ladete nicht bloß seine Verwandten, Freunde und
Bekannten, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und
gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf
goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so mußte eine von ihnen
daheim bleiben.
Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten
die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die
andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum und so mit allem, was auf der Welt
zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die
dreizehnte herein.
Sie wollte sich dafür rächen, daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand
zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: "Die Königstochter
soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen."
Und ohne ein Wort weiter zu sprechen kehrte sie sich um und verließ den Saal.
Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch
übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern ihn nur
mildern konnte, so sagte sie: "Es soll aber kein Tod sein, sondern ein
hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.
Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ
den Befehl ausgehen, daß alle Spindeln im ganzen Königreiche sollten verbrannt
werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt,
denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig daß es jedermann, der
es ansah, liebhaben mußte. Es geschah, daß an dem Tage, wo es gerade fünfzehn
Jahre alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren und das Mädchen
ganz allein im Schloß zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und
Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg
die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloß
steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf,
und da saß in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann
emsig ihren Flachs.
"Guten Tag, du altes Mütterchen", sprach die Königstochter, "was machst du
da?"
"Ich spinne", sagte die Alte und nickte mit dem Kopf.
"Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?" sprach das Mädchen,
nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel
angerührt so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den
Finger.
In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett
nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf
verbreitete sich über das ganze Schloß, der König und die Königin, die eben
heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und
der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde
im Hof, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das
auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu
brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an
den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und
auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.
Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr
höher ward und endlich das ganze Schloß umzog und darüber hinauswuchs, daß gar
nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es ging
aber die Sage in dem Land von dem schönen, schlafenden Dornröschen, denn so ward
die Königstochter genannt, also daß von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch
die Hecke in das Schloß dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn
die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge
blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder losmachen und starben eines
jämmerlichen Todes.
Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land und
hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte ein Schloß
dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, Dornröschen
genannt, schon seit hundert Jahren schliefe, und mit ihr schliefe der König und
die Königin und der ganze Hofstaat. Er wußte auch von seinem Großvater, daß
schon viele Königssöhne gekommen wären und versucht hätten, durch die
Dornenhecke zu dringen, aber sie wären darin hängengeblieben und eines traurigen
Todes gestorben.
Da sprach der Jüngling: "Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das
schöne Dornröschen sehen !" Der gute Alte mochte ihm abraten, wie er wollte, er
hörte nicht auf seine Worte.
Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen,
wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke
näherte, waren es lauter große, schöne Blumen, die taten sich von selbst
auseinander und ließen ihn unbeschädigt hindurch, und hinter ihm taten sie sich
wieder als eine Hecke zusammen. Im Schloßhof sah er die Pferde und scheckigen
Jagdhunde liegen und schlafen, auf dem Dache saßen die Tauben und hatten das
Köpfchen unter den Flügel gesteckt. Und als er ins Haus kam, schliefen die
Fliegen an der Wand, der Koch in der Küche hielt noch die Hand, als wollte er
den Jungen anpacken, und die Magd saß vor dem schwarzen Huhn, das sollte gerupft
werden.
Da ging er weiter und sah im Saale den ganzen Hofstaat liegen und schlafen,
und oben bei dem Throne lagen der König und die Königin.
Da ging er noch weiter, und alles war so still, daß er seinen Atem hören
konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen
Stube, in welcher Dornröschen schlief.
Da lag es und war so schön, daß er die Augen nicht abwenden konnte, und er
bückte sich und gab ihm einen Kuß. Wie er es mit dem Kuß berührt hatte, schlug
Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an.
Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der
ganze Hofstaat und sahen einander mit großen Augen an. Und die Pferde im Hof
standen auf und rüttelten sich, die Jagdhunde sprangen und wedelten, die Tauben
auf dem Dache zogen das Köpfchen unterm Flügel hervor, sahen umher und flogen
ins Feld, die Fliegen an den Wänden krochen weiter, das Feuer in der Küche erhob
sich, flackerte und kochte das Essen, der Braten fing wieder an zu brutzeln, und
der Koch gab dem Jungen eine Ohrfeige, daß er schrie, und die Magd rupfte das
Huhn fertig.
Und da wurde die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornröschen in aller Pracht
gefeiert, und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende.

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein
König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß sich
die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, darüber verwunderte so oft sie
ihr ins Gesicht schien.
Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem
Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen: wenn nun der Tag recht heiß war,
so ging das Königskind hinaus in den Wald, und setzte sich an den Rand des
kühlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel,
warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.
Nun trug es sich einmal zu, daß die goldene Kugel der Königstochter nicht in
das Händchen fiel, das sie ausgestreckt hatte, sondern neben vorbei auf die Erde
schlug, und geradezu ins Wasser hinein rollte. Die Königstochter folgte ihr mit
den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, und gar
kein Grund zu sehen. Da fing sie an zu weinen, und weinte immer lauter, und
konnte sich gar nicht trösten.
Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu "was hast du vor, Königstochter, du
schreist ja daß sich ein Stein erbarmen möchte". Sie sah sich um, woher die
Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken häßlichen Kopf aus
dem Wasser streckte.
"Ach, du bists, alter Wasserpatscher", sagte sie, "ich weine über meine
goldne Kugel, die mir in den Brunnen hinab gefallen ist."
"Gib dich zufrieden", antwortete der Frosch, "ich kann wohl Rat schaffen,
aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?"
"Was du willst, lieber Frosch", sagte sie, "meine Kleider, meine Perlen und
Edelsteine, dazu die goldne Krone, die ich trage."
Der Frosch antwortete "deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, deine
goldne Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb haben willst, und ich
soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen,
von deinem goldnen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem
Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich dir die goldne Kugel
wieder aus dem Grunde hervor holen".
"Ach ja", sagte sie, "ich verspreche dir alles,, wenn du mir nur die Kugel
wieder bringst." Sie dachte aber "was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt
im Wasser bei seines Gleichen, und quakt, und kann keines Menschen Geselle
sein".
Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank
hinab, und über ein Weilchen kam er wieder herauf gerudert, hatte die Kugel im
Maul, und warf sie ins Gras.
Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder
erblickte, hob es auf, und sprang damit fort. "Warte, warte", rief der Frosch,
"nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du." Aber was half ihm daß er ihr
sein quak quak so laut nachschrie als er konnte! sie hörte nicht darauf, eilte
nach Haus, und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in den tiefen
Brunnen hinab steigen mußte.
Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten an der Tafel saß,
und von ihrem goldnen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch,
etwas die Marmortreppe herauf gekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte
es an der Tür, und rief "Königstochter, jüngste, mach mir auf".
Sie lief und wollte sehen wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß
der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den
Tisch, und war ihr ganz angst.
Der König sah daß ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach "ei, was
fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Tür, und will dich holen?"
"Ach nein", antwortete das Kind, "es ist kein Riese, sondern ein garstiger
Frosch, der hat mir gestern im Wald meine goldene Kugel aus dem Wasser geholt,
dafür versprach ich ihm er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber
nimmermehr daß er aus seinem Wasser heraus könnte: nun ist er draußen, und will
zu mir herein."
Indem klopfte es zum zweitenmal und rief, "Königstochter, jüngste, mach mir
auf, weißt du nicht was gestern du zu mir gesagt bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste, mach mir auf."
Da sagte der König "hast du's versprochen, mußt du's auch halten; geh und
mach ihm auf".
Sie ging und öffnete die Türe, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem
Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief "heb mich herauf zu dir".
Sie wollte nicht bis es der König befahl. Als der Frosch auf den Stuhl
gekommen war, sprach er "nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit
wir zusammen essen".
Das tat sie auch, aber man sah wohl daß sies nicht gerne tat. Der Frosch ließ
sichs gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bißlein im Halse.
Endlich sprach er "nun hab ich mich satt gegessen, und bin müde, trag mich
hinauf in dein Kämmerlein, und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir
uns schlafen legen".
Da fing die Königstochter an zu weinen, und fürchtete sich vor dem kalten
Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen
Bettlein schlafen sollte.
Der König aber blickte sie zornig an, und sprach "was du versprochen hast,
sollst du auch halten, und der Frosch ist dein Geselle".
Es half nichts, sie mochte wollen oder nicht, sie mußte den Frosch mitnehmen.
Da packte sie ihn, ganz bitterböse, mit zwei Fingern, und trug ihn hinauf, und
als sie im Bett lag, statt ihn hinein zu heben, warf sie ihn aus allen Kräften
an die Wand und sprach "nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch".
Was aber herunter fiel war nicht ein toter Frosch, sondern ein lebendiger
junger Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Der war nun von Recht und
mit ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da schliefen sie vergnügt
zusammen ein, und am andern Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen
herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die waren mit Federn geschmückt,
und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs,
das war der treue Heinrich.
Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch
verwandelt worden, daß er drei eiserne Bande hatte müssen um sein Herz legen
lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber
sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide
hinein, und stellte sich wieder hinten auf, voller Freude über die Erlösung.
Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn hinter sich
daß es krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um, und rief
"Heinrich, der Wagen bricht."
"Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da
lag in großen Schmerzen, als ihr in dem Brunnen saßt, als ihr eine
Fretsche (Frosch) was't (wart)."
Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte
immer der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des
treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr wieder erlöst und glücklich war.

der Brüder Grimm
Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und
seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte
wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam,
konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen.
Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen
herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: "Was soll aus uns werden ?
Wie können wir unsere armen Kinder ernähren da wir für uns selbst nichts mehr
haben?"
"Weißt du was, Mann, antwortete die Frau, "wir wollen morgen in aller Frühe
die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen
ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere
Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir
sind sie los."
"Nein, Frau", sagte der Mann, "das tue ich nicht; wie sollt ich's übers Herz
bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden bald
kommen und sie zerreißen."
"Oh, du Narr", sagte sie, "dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du
kannst nur die Bretter für die Särge hobeln", und ließ ihm keine Ruhe, bis er
einwilligte.
"Aber die armen Kinder dauern mich doch", sagte der Mann. Die zwei Kinder
hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die
Stiefmutter zum Vater gesagt hatte.
Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: "Nun ist's um uns
geschehen."
"Still, Gretel", sprach Hänsel, "gräme dich nicht, ich will uns schon
helfen."
Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an,
machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell,
und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen.
Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein
wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: "Sei getrost, liebes
Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen", und
legte sich wieder in sein Bett.
Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau
und weckte die beiden Kinder: "Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in den Wald
gehen und Holz holen." Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach: "Da
habt ihr etwas für den Mittag, aber eßt's nicht vorher auf, weiter kriegt ihr
nichts."
Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche
hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie
ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück
und tat das wieder und immer wieder.
Der Vater sprach: "Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und
vergiß deine Beine nicht!"
"Ach, Vater", sagte Hänsel, "ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt
oben auf dem Dach und will mir Ade sagen."
Die Frau sprach: "Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne,
die auf den Schornstein scheint." Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen
gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf
den Weg geworfen.
Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater: "Nun sammelt
Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert." Hänsel
und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch.
Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die
Frau: "Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, und ruht euch aus, wir gehen in den
Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab."
Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein
Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt hörten, so glaubten sie,
ihr Vater wär' in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den
er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und
als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und
sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht.
Gretel fing an zu weinen und sprach: "Wie sollen wir nun aus dem Wald
kommen?"
Hänsel aber tröstete sie: "Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen
ist, dann wollen wir den Weg schon finden." Und als der volle Mond aufgestiegen
war, so nahm Hänsel sein Schwesterchern an der Hand und ging den Kieselsteinen
nach, die schimmerten wie neugeschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg.
Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu
ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah,
daß es Hänsel und Gretel waren, sprach sie: "Ihr bösen Kinder, was habt ihr so
lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wollet gar nicht
wiederkommen." Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen,
daß er sie so allein zurückgelassen hatte.
Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie
die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach: "Alles ist wieder aufgezehrt,
wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder
müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg
nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns." Dem Mann fiel's
schwer aufs Herz, und er dachte: Es wäre besser, daß du den letzten Bissen mit
deinen Kindern teiltest.
Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm
Vorwürfe. Wer A sagt, muß B sagen, und weil er das erstemal nachgegeben hatte,
so mußte er es auch zum zweitenmal.
Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mitangehört.
Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und die
Kieselsteine auflesen, wie das vorigemal; aber die Frau hatte die Tür
verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein
Schwesterchen und sprach: "Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe
Gott wird uns schon helfen."
Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie
erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorigemal. Auf
dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und
warf ein Bröcklein auf die Erde. "Hänsel, was stehst du und guckst dich um?"
sagte der Vater, "geh deiner Wege!"
"Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade
sagen", antwortete Hänsel.
"Narr", sagte die Frau, "das ist dein Täubchen nicht, das ist die
Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint." Hänsel aber warf nach und
nach alle Bröcklein auf den Weg.
Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch
nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter
sagte: "Bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein
wenig schlafen. Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir
fertig sind, kommen wir und holen euch ab." Als es Mittag war, teilte Gretel ihr
Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie
ein, und der Abend verging; aber niemand kam zu den armen Kindern.
Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein
Schwesterchen und sagte: "Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden
wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg
nach Haus" Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein
Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde
umherfliegen, die hatten sie weggepickt.
Hänsel sagte zu Gretel: "Wir werden den Weg schon finden." Aber sie fanden
ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend,
aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus und waren so hungrig, denn sie hatten
nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde
waren, daß die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter
einen Baum und schliefen ein.
Nun war's schon der dritte Morgen, daß sie ihres Vaters Haus verlassen
hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den
Wald, und wenn nicht bald Hilfe kam, mußten sie verschmachten. Als es Mittag
war, sahen sie ein schönes, schneeweißes Vögelein auf einem Ast sitzen, das sang
so schön, daß sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war,
schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie
zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz
nahe herankamen, so sahen sie, daß das Häuslein aus Brot gebaut war und mit
Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.
"Da wollen wir uns dranmachen", sprach Hänsel, "und eine gesegnete Mahlzeit
halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen,
das schmeckt süß." Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach
ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben
und knupperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:
"Knupper, knupper, Kneischen, Wer knuppert an meinem
Häuschen?"
Die Kinder antworteten:
"Der Wind, der Wind, Das himmlische Kind",
und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr
gut schmeckte, riß sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine
ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit.
Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine
Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig,
daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten.
Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: "Ei, ihr lieben Kinder, wer
hat euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht
euch kein Leid." Sie faßte beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da
ward ein gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannkuchen mit Zucker, Äpfel und
Nüsse. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel
legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.
Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe,
die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie
herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es
und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können
nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und
merken's, wenn Menschen herankommen.
Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach
höhnisch: "Die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen!"
Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie
beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor
sich hin: "Das wird ein guter Bissen werden." Da packte sie Hänsel mit ihrer
dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer
Gittertüre ein. Er mochte schrein, wie er wollte, es half ihm nichts.
Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: "Steh auf, Faulenzerin,
trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und
soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen." Gretel fing an
bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse
Hexe verlangte.
Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts
als Krebsschalen.
Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: "Hänsel, streck
deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist." Hänsel streckte ihr
aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht
sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, daß er gar
nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager
blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten.
"Heda, Gretel", rief sie dem Mädchen zu, "sei flink und trag Wasser! Hänsel
mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen."
Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen mußte, und
wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! "Lieber Gott, hilf uns
doch", rief sie aus, "hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so
wären wir doch zusammen gestorben!"
"Spar nur dein Geplärre", sagte die Alte, "es hilft dir alles nichts."
Früh morgens mußte Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer
anzünden. "Erst wollen wir backen" sagte die Alte, "ich habe den Backofen schon
eingeheizt und den Teig geknetet."
Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen
schon herausschlugen "Kriech hinein", sagte die Hexe, "und sieh zu, ob recht
eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschieben können" Und wenn Gretel darin
war, wollte sie den Ofen zumachen und Gretel sollte darin braten, und dann
wollte sie's aufessen.
Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach "Ich weiß nicht, wie
ich's machen soll; wie komm ich da hinein?"
"Dumme Gans", sagte die Alte, "die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl,
ich könnte selbst hinein", krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen.
Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu
und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber
Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.
Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief:
"Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot "
Da sprang Hänsel heraus wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe
aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut sind sich um den Hals gefallen, sind
herumgesprungen und haben sich geküßt! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten
brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein. Da standen in allen Ecken
Kasten mit Perlen und Edelsteinen.
"Die sind noch besser als Kieselsteine", sagte Hänsel und steckte in seine
Taschen, was hinein wollte.
Und Gretel sagte" Ich will auch etwas mit nach Haus bringen", und füllte sein
Schürzchen voll.
"Aber jetzt wollen wir fort", sagte Hänsel, "damit wir aus dem Hexenwald
herauskommen."
Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes
Wasser.
"Wir können nicht hinüber", sprach Hänsel, "ich seh keinen Steg und keine
Brücke."
"Hier fährt auch kein Schiffchen", antwortete Gretel, "aber da schwimmt eine
weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber." Da rief sie:
"Entchen, Entchen, Da steht Gretel und Hänsel. Kein Steg und keine
Brücke, Nimm uns auf deinen weißen Rücken."
Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein
Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. "Nein", antwortete Gretel, "es wird dem
Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüberbringen."
Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein
Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter
vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an
zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der
Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen
hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß
die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine
Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende,
und sie lebten in lauter Freude zusammen.
Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine
große Pelzkappe daraus machen.
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